Vereine in der Krise

Magazin „Sport Stadt Leipzig“: Titelthema „Leipzigs Sport sucht nach Lösungen“

Viele Sportvereine sind in eine bedrohliche finanzielle Schieflage geraten. Trotz maroder Anlagen müssen sie die Beiträge erhöhen. Für manche Eltern rückt die Schmerzgrenze näher.

Maria Fink* ist alleinerziehende Mutter. Ihre finanzielle Lage ist angespannt. Ihre Jungs sind Mitglieder in einem Verein im Leipziger Westen. Den 6- und den 10-Jährigen eint ihr liebstes Hobby: der Fußball. Vereinsbeiträge, Geld für Mannschaftskassen, Turniere, Sportkleidung und Vereinsaktionen – besonders für Alleinerziehende mit mehreren Kindern sind die Ausgaben eine Belastung. „Mit zwei Kindern merkt man schon deutlich, wie sich die Kosten summieren und auch immer mehr steigen“, sagt die Leipzigerin. Sie möchte ihren Namen nicht nennen, damit ihre Kinder keine Nachteile erleiden.

Alle Eltern kennen es: Die Kinder wachsen jährlich aus den Sachen raus. „Trainingsanzüge, Fußballschuhe und Schienbeinschoner müssen teilweise selbst angeschafft werden“, sagt Maria Fink. Trotz der Unterstützung durch das Bildungs- und Teilhabepaket bleiben am Jahresende immer noch knapp 500 Euro Kosten. Kommen unerwartete Ausgaben dazu, sogar deutlich mehr.

Dramatische Lage

Künftig dürften Sporteltern wie Maria Fink noch weiter belastet werden. Höhere Energie- und Lohnkosten, stagnierende Zuschüsse, sinkende Fördermittel für Pachtanlagen: Den Vereinen bleibt oft nichts anderes übrig, als die Mitgliedsbeiträge anzuheben. Ortsbesuch bei der SG Motor Gohlis-Nord e. V., mit 2.500 Mitgliedern einer der größten Sportvereine der Stadt. Das Stadion des Friedens ist nach der Red Bull Arena das zweitgrößte in Leipzig, das 13 Hektar umfassende Vereinsgelände mit dem Bogensportplatz an der Luppe sogar das größte.

Vereinschef Sascha Orban und Finanzvorstand Marcel Kühne sitzen an einem warmen Septembernachmittag auf einer Bierbank vor der Vereinsbaracke. Das Thema ist ernst, die Kippen liegen bereit: „Allein unser Stadion verschlingt jährlich mehr als eine halbe Million Euro“, rechnet Kühne vor. Weil die Stadt 80 Vereinen wie MoGoNo die Zuschüsse für die kommunalen Pachtanlagen unlängst um 13 Prozent gekürzt hat, fehlen dem breitensportlich orientierten Verein weitere 20.000 Euro. „Es ist der perfekte Sturm“, sagt Orban. In der Meteorologie sind damit verschiedene ungünstige Wetterbedingungen gemeint, die zeitgleich aufeinandertreffen. Die Folge: ein zerstörerisches Unwetter.

Finanzvorstand Marcel Kühne (l.) und MoGoNo-Boss Sascha Orban wollen das renovierungsbedürftige Stadion des Friedens sanieren. Foto: Thomas Fritz

Viele Vereine, die städtisches Eigentum gepachtet haben, haben sich schon vor der Kürzung geärgert, dass ihre Pflegeleistungen nicht ansatzweise abgegolten werden. Sie erhalten und sanieren städtische Werte – meist im Ehrenamt und mit vielen eigenen Mitteln. Angesichts klammer Finanzen wird das immer mehr zu einer Herkulesaufgabe. „Wenn nach 35 Jahren unser Traktor kaputtgeht, ersetzt uns den keiner“, so Sascha Orban.

Neues Loch von 50.000 Euro

Bei MoGoNo schrumpfen die Rücklagen dramatisch. Derzeit macht der Verein einen niedrigen sechsstelligen Verlust pro Jahr. Im Oktober wurde daher mit großer Mehrheit eine Erhöhung des Grundbeitrags um 100 Prozent beschlossen, und auch der Gesamtmitgliedsbeitrag steigt ab Januar 2027 deutlich. Dadurch und mit weiteren Kostensenkungen soll das Jahresdefizit verringert werden. Um den Verein für zehn Jahre abzusichern, also auf eine schwarze Null zu bringen, müssten die Beiträge eigentlich noch weiter steigen. Doch dafür gibt es im Verein keine Mehrheit. „Denn dann wären wir einer der teuersten Vereine der Stadt – mit einer maroden Infrastruktur“, sagt Kühne. „Das können wir unseren Mitgliedern nicht erklären.“ Gras überwuchert die Treppenstufen im 1923 erbauten Stadion des Friedens, am Zaun blättert der Lack ab, die Vereinsbaracke ist ein Sanierungsfall.

Bei MoGoNo braucht es mittel- bis langfristig eine große Lösung und kurzfristig einen Stopp der Kostenspirale. Letzteres ist nicht in Sicht. Nun will die Stadt im Rahmen des „Sportprogramms 2040“ ab Januar 2027 für die Nutzung städtischer Sporthallen erstmals Beträge für Kinder und Jugendliche erheben. Für Gruppen, die ausschließlich aus Minderjährigen bestehen, war der Hallensport bisher kostenlos. Allein dadurch entstünde bei MoGoNo ein neues Loch von rund 50.000 Euro.

„Immer mehr ein Elitensport“

Der Leipziger Eissport-Club (LEC) bietet auf Leipzigs einziger Eisfläche im Kohlrabizirkus Eishockey und Eiskunstlauf an. Eissport ist besonders zeit- und kostenintensiv: Die Beiträge für Kindersport liegen bei rund 720 Euro im Jahr. „Wir haben seit vielen Jahren eine Sozialcharta und versuchen mit Sponsoren Mitgliedsbeiträge zu fördern“, so Finanzvorstand Stefan Mewis. Außerdem würden die Kosten für Trainingslager oder Auswärtsturniere so gering wie möglich gehalten. Dennoch steht der Verein unter Druck, Beiträge weiter zu erhöhen. „Wir werden damit unfreiwillig immer mehr zu einem Elitesport“, bedauert Mewis. „Es ist keine gute Nachricht, wenn Kinder und Jugendliche unseren Sport nicht ausüben können, weil sie ihn sich nicht leisten können.“

2025 stiegen die Mitgliederzahlen beim LEC um 22 Prozent, die Abgaben an Fach- und Landesverbände um 50,4 Prozent, die Lohnkosten um 36,5 Prozent, die Kosten für Büro und Verwaltung um 25,7 Prozent. 2026 erhöhte der private Betreiber die Miete um zehn Prozent. Die Erhöhung sollte eigentlich gefördert werden, nun soll der LEC die 6.000 Euro Mehrkosten doch selbst tragen. Der Verein blieb bisher von einer echten Kürzung der Zuschüsse verschont. Doch stagnierende Fördermittel bei steigenden Fixkosten sind am Ende nichts anderes als eine Kürzung. Nennenswerte Rücklagen besitzt der Verein nicht. Daher bereitet es den Verantwortlichen bei aller Dankbarkeit für die Unterstützung der Stadt Kopfzerbrechen, wenn Fördermittel immer später im Jahr überwiesen werden. Oder wenn nur aufgrund einer Terminverschiebung der Zuschuss für ein Turnier komplett gestrichen wird. Die neuen Hallengebühren für Kinder und Jugendliche treffen den LEC weniger als andere Vereine. „Aber es ist wieder ein Posten, der bezahlt werden muss“, sagt Mewis.

Besonders teuer: Die Beiträge für Kindersport liegen beim LEC bei rund 720 Euro im Jahr. Foto: LEC e. V.

Beiträge um 50 Prozent gestiegen

Sven Heinze ist Vorsitzender des SV Mölkau 04 und Sportjugendkoordinator des Stadtsportbundes Leipzig. Er sagt zur Lage der Vereine: „Wenn öffentliche Zuschüsse nicht mit der Inflation steigen, entstehen finanzielle Löcher.“ In Mölkau ist der Vereinsbeitrag seit 2015 um rund 50 Prozent gestiegen. Bei den Fußballern, der kostenintensivsten Abteilung, steigt er ab Januar 2027 von 14 auf 20 Euro. Die anderen Sportarten zahlen 16 statt einst elf Euro im Monat. Bei dem Verein aus dem Leipziger Osten fielen 2026 durch den vorerst reduzierten Pacht- und Pflegekostenzuschuss der Stadt 3.000 Euro weg. Diese Mindereinnahmen müssen durch Eigenmittel kompensiert werden. Trotz der gestiegenen Beiträge hat sich der Verein mit inzwischen 600 Mitgliedern gut entwickelt. Ob manche Eltern aus finanziellen Gründen den Vereinen fernbleiben oder sich abmelden? Heinze will nicht spekulieren. Auch Stefan Mewis vom LEC kann das nicht sicher einschätzen. Er sagt: „Armut ist im Zweifel leise. Personen, die über ein geringes Einkommen verfügen, outen sich aus vielen Gründen nicht.“

Leipzig steckt in einer schweren Haushaltskrise. Es ist möglich, dass Zuschüsse für Pachtanlagen weiter gekürzt werden. „Eine belastbare Aussage für zukünftige Haushaltsjahre kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht getroffen werden“, heißt es in einer schriftlichen Antwort des Amtes für Sport. Die Stadt argumentiert, dass zumindest das Sportförderung-Budget gegenüber 2025 um rund 550.000 Euro erhöht wurde. Der Kinder- und Jugendzuschuss für die Vereine stieg von bisher 19 auf 30 Euro pro gemeldetem Mitglied und Jahr. Die Zuschüsse für ehrenamtlich tätige, lizenzierte Übungsleiter stiegen um jeweils 50 Euro. „Angesichts unserer Finanzlage ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt MoGoNo-Finanzvorstand Kühne. „Außerdem sind diese Mittel zweckgebunden und können nicht einfach für die Sanierung einer Treppe ausgegeben werden.“

Zu wenig Geld für Investitionen

Die Stadt will ihre Sportinfrastruktur laut Sportprogramm 2040 auch ohne Olympische Spiele in Deutschland weiterentwickeln. In die institutionelle Sportförderung soll künftig mehr Geld fließen, die Mittel bei der investiven Sportförderung reichen laut Stadtsportbund bei Weitem nicht aus. Wie könnte der Sanierungsstau behoben und Finanzlöcher gestopft werden? Die Stadt fordert „eine stärkere und verlässliche finanzielle Beteiligung von Bund und Ländern“. Sven Heinze vom SV Mölkau 04 könnte sich „Vereinstarife“ von regionalen Energieversorgern als einen Ansatz zur Entlastung gut vorstellen. Sascha Orban und Marcel Kühne von MoGoNo sind seit Wochen in Gesprächen mit Akteuren aus der Stadtverwaltung, vom Landessportbund und Stadtsportbund sowie mit Bundestags- und Europaabgeordneten. Ihr Ziel ist eine komplette Sanierung und bessere Auslastung ihrer Anlage, für die die jetzige Pachtvertrags-Situation dann nicht mehr zeitgemäß sei. Das Konzept steckt schon in der Schublade. Und sie wollen Synergien nutzen. „Muss denn jeder größere Verein eine halbe Kraft für Fördermittel und Mitgliederverwaltung haben? Muss jeder seine eigene IT haben? Muss jeder fünf eigene Platzwarte anstellen?“, fragt Orban.

Und Maria Fink, die Mutter der kleinen Fußballer? Sie möchte ihren Kindern ihren Sport trotz der ganzen Kosten ermöglichen, „weil sie Spaß daran haben und Fußball für sie einfach dazugehört“. Weitere Beitragserhöhungen würde sie wohl oder übel in Kauf nehmen – wenn diese moderat ausfallen. In den Augen von Sven Heinze steigt die Gefahr, dass „Sportvereine ihren sozialen Auftrag nicht mehr erfüllen können oder sogar Anlagen zurückgeben und damit ihre Existenz verlieren“. Beides wäre ein Armutszeugnis für die Stadt Leipzig.

Erschienen in der „Sport Stadt Leipzig“ 4/2026

Autor: Thomas Fritz

*Der korrekte Name ist der Redaktion bekannt