Faszination Fliegen

Magazin „Sport Stadt Leipzig“: Titelthema „Luftsport in Leipzig“

Motor- und Gleitflug, Fallschirmspringen und Wingsuit: Luftsport ist in Leipzig ein Nischenphänomen. Dabei brennen die Vereinsmitglieder wie in kaum einer anderen Sportart für ihre Leidenschaft. (von Thomas Fritz und Ullrich Kroemer)

Er hört nur das Rauschen des Windes, kann von Leipzig aus bei bester Sicht das Erzgebirge und das knapp 120 Kilometer entfernte Tropical Island sehen und empfindet bei den stundenlangen Flügen ein Gefühl von großer Freiheit. „Es gibt nichts Schöneres“, sagt Brian Rechenberger, „als in einem Segelflugzeug stundenlang auf der Suche nach der nächsten Wolke über das Land zu gleiten.“ Der 37-Jährige ist Vorsitzender des FC Leipzig-Taucha e. V. Das „FC“ steht in diesem Fall nicht für Fußballclub, sondern für Fliegerclub. Denn Rechenberger und die weiteren knapp 60 aktiven Vereinsmitglieder, darunter 25 unter 18-Jährige, treten nicht gegen den Ball, sondern steigen mit ihren Segelflugmaschinen regelmäßig vom Flugplatz am Schwarzen Berg gen Himmel auf.

Zum Beispiel im Streckenflug in der Regionalliga Mitte, in der Rechenberger, Vereins-Geschäftsführer Paul Seiler und weitere Sportler versuchen, eine möglichst lange Strecke möglichst schnell zu bewältigen. Los geht es auf dem jeweils eigenen Flugplatz, die Flüge werden per GPS-Tracker dokumentiert. Die erfolgreichsten Flüge des Wochenendes fließen in die Ligawertung ein. Das Ziel ist es, in die 2. Liga aufzusteigen. „Für die Flieger, die bei uns die Lizenz erwerben, ist das eine gute Perspektive“, sagt Seiler. „Solche Wettbewerbe stärken die Motivation und das Gruppengefühl.“ Rechenberger war zuletzt von seiner zweiten Deutschen Meisterschaft im Streckenflug als Achter in der Klubklasse zurückgekehrt. Er ist das erste Vereinsmitglied mit einer DM-Teilnahme, weitere sollen folgen.

Fitness, Technik und Vorschriften

Neben dem FC Leipzig-Taucha sind mit dem Fliegerclub Böhlen e. V. und dem Fliegerklub Roitzschjora e. V. zwei weitere Vereine aus Leipzig oder der näheren Region im Luftsportverband Sachsen e. V. organisiert. Landesweit gibt es 43, in denen die Disziplinen Segelflug, Motorflug, Ultraleichtflug, Fallschirmspringen, Modellflug und Gleitschirmflug vertreten sind. Die Mitgliederzahlen sind mit rund 2.700 stabil. Sachsenweit liegt der Anteil von Kinder und Jugendlichen bei elf Prozent. Er wäre vermutlich viel höher, wäre es nicht erst ab 14 Jahren erlaubt, das Fliegen oder Fallschirmspringen zu erlernen. „Denn dafür sind ausgereifte körperliche und geistige Voraussetzungen notwendig“, erklärt Verbandspräsidentin Dr. Manuela Andrich.

Luftsport sei eine ausgesprochen komplexe Disziplin, die weit mehr umfasse als nur das Fliegen selbst, so Andrich. „Die Sportler brauchen neben körperlicher Fitness auch viel Wissen über Technik und Vorschriften“, weiß die Präsidentin. Das Equipment, von Flugzeugen bis hin zu Fallschirmen, ist technisch anspruchsvoll und wird von den Sportlern selbst gewartet. Im Luftraum können sie sich nur sicher bewegen, wenn sie zahlreiche Vorschriften und Regeln einhalten. „Diese Anforderungen machen den Luftsport herausfordernd, aber gerade das macht für viele den besonderen Reiz aus“, sagt Andrich, die bei den Elbe Flugzeugwerken in Dresden als Projektmanagerin arbeitet.

Spitzensport und Nachwuchsförderung

Der Landessportbund förderte 2026 zwei Landesstützpunkte: den FSV Eilenburg im Fallschirmspringen und den Fliegerclub Kamenz e. V. im Segelfliegen. Sachsen gilt als ein Schwerpunkt des Luftsports in Ostdeutschland mit mehreren Athleten im Landes- und Bundeskader. Segelflieger Thomas Melde (46) vom Aeroclub Pirna e. V. Er hat in den letzten Jahren bei mehreren Weltmeisterschaften beachtliche Platzierungen erreicht. Im Segelflug-Kunstflug gewann Richard Münzberger (33) vom Fliegerclub Oschatz e. V. die Goldmedaille bei der Segelkunstflug-Weltmeisterschaft 2023. Linus Eckenigk (22) vom Fallschirmsportverein Eilenburg e. V. gehört war 2024 Vize-Weltmeistertitel im Speed Skydiving und gewann als Teil des deutschen Teams den Europameistertitel in der Teamwertung. Der Deutsche Fallschirmsportverband ist seit Dezember 2025 offizieller Spitzenverband des Deutschen Olympischen Sportbunds.

Eine Minute freier Fall

Samantha „Samy“ Kampe kann sich noch sehr gut an ihren ersten Fallschirmsprung erinnern. Das war 2017, sie sprang beim ersten Mal sofort solo, ohne vorherigen Tandemsprung. „Das war ziemlich verrückt. Ich hatte erst ein paar Probleme, dann habe ich mein Programm abgespult“, erinnert sie sich. „Als der Schirm geöffnet war, habe ich geschrien und gejubelt, weil es so großartig war. Dann bin ich gelandet und hab gesagt: ‚Geilster Scheiß ever‘.“

Heute ist die 36-Jährige Vereinsvorsitzende des Skydive-Leipzig e. V., der in Roitzschjora im Landkreis Nordsachsen beheimatet ist. Mit knapp 100 aktiven Mitgliedern ist Skydive der größte Flugsportverein in Leipzig und Umgebung. Im Luftsport-Landesverband ist er wie der Luftsportverein Neuseenland und der Aero Club Leipzig-Taucha aber nicht organisiert. Hauptaugenmerk liegt auf der Ausbildung von Fallschirmspringern, in Schnupper- und Vollkursen. Vereinsmitglieder sind in den Disziplinen wie Speed Skydiving, Formationsspringen, Canopy Piloting und Wingsuit aktiv. Kampe schätzt die „mega coole“ Springer-Community. Weltweit komme man mit anderen Aktiven sofort ins Gespräch. „Da gibt es keine Berührungsängste.“

Wie läuft ein Sprung konkret ab? Eine einmotorige Pilatus Porter PC6 bringt bis zu zehn Springer auf die Norm-Absprunghöhe von 4.000 Metern. Das dauert knapp 20 Minuten. Vorher muss das Equipment mehrfach sorgfältig geprüft werden, denn im Extremfall könnte ein Versagen ernste Folgen haben. Der Pilot gibt das Signal, dass die Höhe erreicht ist. „Dann kommt das Kribbeln im Bauch. Man setzt sich in die Türöffnung und es geht auch schon raus“, erzählt Kampe, die knapp 600 Sprünge absolviert hat. Springer müssen den Körper in der sogenannten Bananenhaltung ins Hohlkreuz durchdrücken, die Arme kommen in die „Boxposition”, die Beine werden gestreckt. Eine Minute dauert der freie Fall. In 1.000 Metern öffnen die Springer ihren Schirm. Der Notfall-Computer für den Reserveschirm löst automatisch bei einer Höhe von 250 Metern aus – im Fall eines Blackouts oder eines medizinischen Notfalls. Doch diese Fälle sind extrem selten.

Foto: Skydive-Leipzig e. V.

Eins der letzten Abenteuer

André Friedrich ist zum Ballonfahren gekommen „wie die Jungfrau zum Kind“. Eigentlich wollte der damals passionierte Pin-Sammler nur Anstecknadeln tauschen und kam dabei mit Ballonfahrern ins Gespräch. Im Jahr 2000 fuhr er das erste Mal mit einem Ballon in den Himmel über Leipzig, 2006 verkaufte er seine Pin-Sammlung und machte selbst den Pilotenschein. Seit nun 20 Jahren ist Friedrich einer von etwa zehn Ballonpiloten in Leipzig. Ein elitärer Kreis, denn in ganz Deutschland gibt es nur etwa 4.500 aktive Ballonfahrer und knapp 900 angemeldete Ballone.

„Das Außergewöhnliche beim Ballonfahren ist, dass keine Ballonfahrt verläuft wie die andere”, sagt der 55-Jährige. Man könne tausendmal am selben Platz starten, wisse aber nie genau, wo man landen werde. Das kann ein Acker – immer mit Rücksicht auf die Bauern –, ein Weg oder eine Straße sein. Oder eine Wiese mit 50 Jungbullen darauf, auf der Friedrich aufgrund von Wetterkapriolen mal zwischenlanden musste. „Du bist den Kräften der Natur ausgesetzt. Es ist tatsächlich eins der letzten Abenteuer, das du nicht von vornherein beeinflussen kannst, weil man nehmen muss, was man kriegt”, schildert er. Man müsse die Gegebenheiten annehmen und lernen, mit ihnen umzugehen.

„Du gleitest lautlos mit dem Wind“

Ein weiterer Punkt, der Friedrich fasziniert: „Es ist einfach nur extrem entspannend, wenn du da oben im Korb stehst und zwischen den Brennerstößen die Ruhe genießen kannst. Du gleitest lautlos mit dem Wind daher, siehst deine Umgebung immer wieder aus einer neuen Perspektive.” Es sei einfach nur spannend, die Welt mal von oben zu sehen. Friedrich, der im Hauptberuf bei der Verkehrspolizei arbeitet, entschwindet so dem Verkehrsgewirr und steuert sein Gefährt ohne Stau, Lärm, Unfälle oder nervige Verkehrsteilnehmer. Wer noch mehr Nervenkitzel sucht, findet neben dem reinen Ballonfahren auch Ballonsport-Wettbewerbe mit verschiedenen Disziplinen – etwa wer den größten Bogen fährt oder innerhalb eines vorgegebenen Höhenkorridors die weiteste Strecke zurücklegt.

Beste Ballon-Bedingungen

Friedrich nimmt an solchen Wettbewerben als Schiedsrichter teil, schätzt aber vor allem die Freiheit der Erlebnistouren, die er meist für die Firma Sachsen Ballooning fährt. Meist startet er am Külz-Park vor dem Völkerschlachtdenkmal. „Von der Stadt aus zu starten, ist schon etwas Besonderes”, sagt er. Längst nicht in allen Städten Deutschlands sei das möglich. In Leipzig, einer der grünsten Großstädte Europas mit seinen zahlreichen Parks und Auwaldflächen, darf das Vorbereiten der Ballons auch auf Grünflächen wie dem Mariannenpark oder am Völkerschlachtdenkmal erfolgen. „Als Ballonpilot braucht es Verantwortungsbewusstsein und auch eine gewisse Risikobereitschaft und Abenteuerlust”, sagt Friedrich. Beides müsse sich etwa die Waage halten, um alle Passagiere immer sicher ans Ziel zu bringen.

Es gibt zwar auch Ballonsportvereine wie den in Bitterfeld, aber um einen eigenen Ballon zu besitzen, muss man geschätzt 100.000 Euro investieren, sagt Friedrich. Allein die Hülle kostet 40.000 Euro, hinzu kommen Korb, Brenner, Ventilatoren sowie Gasflaschen, Anhänger und Zugfahrzeug zum Transport.

Luftsport ist generell kein billiger Sport, aber durch freiwillige Baustunden wie beim FC Leipzig-Taucha oder als Fallschirmsprung-Ausbilder lassen sich die Kosten reduzieren. Was alle Flugsportler eint, ist die riesige Faszination, von der sie erzählen, wenn sie mit ihrem jeweiligen Sportgerät unterwegs sind. „Es gibt keinen Moment, an dem der Kopf mehr aus ist als in der Luft“, sagt Samantha Kampe von Skydive-Leipzig. Der alte Traum vom Fliegen – in Leipzigs Luftsportvereinen lebt er weiter.

Mehr Informationen:

https://skydive-leipzig.de
www.fclt.de
www.lsvsn.de