
Ein Leben fürs Turnen
Magazin „Sport Stadt Leipzig“: Porträt Rudi Polster
Rudi Polster leitet seit 1955 die Sektion Turnen bei Turbine Leipzig. Schritt für Schritt will der 95-Jährige nun kürzertreten. Ein Besuch in Dölitz-Dösen. (von Thomas Fritz)
Es ist drückend heiß an diesem Sommertag Ende Juni. Dutzende Turnerinnen von Turbine Leipzig schwitzen in der Sporthalle der 8. Grundschule in Dölitz-Dösen. Die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß und nach Turnhalle. Manche Eltern haben ihre Kinder wegen der Hitzewelle lieber zu Hause gelassen. „Das kann ich gut verstehen, gerade wenn sie einen längeren Anfahrtsweg haben“, sagt Abteilungsleiter Rudolf „Rudi“ Polster. Polster selbst ist trotz seiner 95 Jahre nicht zu Hause geblieben. Natürlich nicht. Er steht in langer Trainingshose und ärmellosem Shirt am Rand der Sporthalle und hat das Treiben aufmerksam im Blick. Wie schon seit mehr als 70 Jahren. Die Szene steht sinnbildlich für das sportliche Wirken des Leipzigers, der seit ihrer Gründung 1955 die Abteilung Turnen bei Turbine leitet: Pflichtbewusstsein, Verlässlichkeit und Sinn für die Gemeinschaft stehen für Polster weit oben.
Gratulation vom Landesvater
Das blieb auch über Leipzig hinaus nicht verborgen. Bei der 32. Sächsischen Sportgala im März bekam Polster für sein mehr als 70-jähriges ehrenamtliches Engagement die „Sächsische Sportkrone“ überreicht. Zu den Gratulanten zählte unter anderem Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Die Laudatio vor 1.000 Gästen aus Sport und Politik hielt Christiane Schenderlein, die Beauftragte der Bundesregierung für Ehrenamt und Sport. „Das war der Höhepunkt in meinem Sportlerleben“, sagt Polster, der die Ehrung nach Standing Ovations sichtlich gerührt entgegennahm. Kretschmer habe ihm bei der Gratulation gesagt: „Wenn ich mit 95 Jahren noch so fit bin wie Sie, dann wäre ich zufrieden. Aber ich glaube, ich schaffe das nicht.“
Elke Böhm steht mit roten Wangen neben Rudi Polster in der Turnhalle. Die 68-Jährige betreut bei Turbine die Sechs- bis Siebenjährigen. Als sie selbst nur ein paar Jahre älter war, fing sie an der 8. Oberschule bei dem damals jungen Lehrer mit dem Turnen an. Das war 1966. „Man kann schon sagen, dass er eine prägende Figur in meinem Leben war und ist“, sagt Böhm, selbst seit über 50 Jahren Übungsleiterin bei Turbine. Es verdiene Anerkennung, dass er noch bis ins hohe Alter mit vollem Einsatz die Abteilung leitet. „Sogar wenn eine Turnmatte kaputt geht, näht er sie selbst wieder zusammen“, sagt Böhm.

Fast 2.000 Wettkämpfe
Tausende Sportlerinnen wie Elke Böhm hat er in mehr als sieben Jahrzehnten als Sportlehrer und Sektionsleiter betreut, schätzt Polster. Heute kommen die Kinder und Enkel der Turner von einst nach Dölitz-Dösen, um Strecksprung, Sprungrolle oder Flickflack zu trainieren. Für 1.953 Wettkämpfe war er bis Redaktionsschluss verantwortlich; der erste fand am 1. Juni 1952 in Kirschau statt – sieben Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Höhepunkte waren internationale Wettkämpfe wie in Brünn, Prag, Lodz oder Sofia. Polster hat viele schöne Erinnerungen, auch an die Ausflüge ins Umland. „Wäre Corona nicht dazwischengekommen, wären es heute mehr als 2.000 Wettkämpfe“, sagt der Sportler. Ob er die runde Zahl noch voll machen kann, ist ungewiss. Schritt für Schritt will er nun kürzertreten.

Vertrauen und Freundlichkeit
Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin steht noch nicht fest. Eine Kandidatin ist Polsters Tochter Petra, die als Nachwuchsleiterin tätig ist. Viele Jahrzehnte war seine inzwischen verstorbene Frau Dorle als Übungsleiterin und gute Seele der Abteilung eine wichtige Stütze. Auch die Enkeltochter Franziska engagiert sich. Für den Ehrenamtler fußt seine langjährige Tätigkeit bei Turbine auf Vertrauen und Freundlichkeit: „Man hat als Übungsleiter immer die Pflicht, mit allen freundlich zu sein. Hart in manchen Sachen, aber freundlich. Und das ein Leben lang.“
Das Training ist fast vorüber. Rudi Polster verlässt das Büro und ruft mit fester Stimme: „Jetzt langsam zum Ende kommen.“ Immer wieder kommen Sportlerinnen zu ihm und verabschieden sich freundlich mit Handschlag. Nächste Woche wird er wieder zweimal in der Sporthalle stehen. Ob Eiseskälte oder Hitzewelle: Für Rudi Polster gibt es keine Ausreden – auch nicht mit 95 Jahren.
Mehr Infos: www.turbine-leipzig.de/turnen
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